Moment mal!

Kennst du das? Du bist im Kopf schon bei der nächsten Aufgabe, dem nächsten Termin, schaust auf die Uhr und denkst „In zehn Minuten will ich das Haus verlassen“ und dann fragt dich deine Partnerin, ob du noch schnell mal eben die Kleine wickeln und anziehen kannst?

Genau so ist es mir heute Morgen geschehen. Ich wollte unbedingt zum Yoga (ein ganz eigener Beitrag, warum Yoga mir als Papa gut tut, der kommt aber ein anderes Mal) und dann kam der Wickelruf. Ich sagte zunächst aus Reflex „Nein!“ und entschied mich dann doch, die Kleine „schnell mal eben zu wickeln und anzuziehen“. Immerhin bin ich Vater und wir teilen uns die Betreuungsaufgaben so gut es geht.

„Ist mit ein paar wenigen Handgriffen erledigt“, sagte ich mir zur Selbstmotivation, schnappte die Kleine, legte sie auf den Wickeltisch und legte los. Nun offenbarte die Windel eine etwas größere Überraschung, sodass ich dachte: „Na super, auch das noch, das wird also aufwendiger und zeitintensiver als gedacht.“ Als die feine Dame sich dann auch noch an verschiedensten Bewegungen hin zur Bauchlage interessiert zeigte, drohte mein Plan das Haus rechtzeitig zu verlassen komplett auseinander zu fallen.

Wenn mein Plan mit den Bedürfnissen des Babys kollidiert

„Och komm schon, bitte“, sagte ich. „Jetzt lass uns doch vernünftig zusammenarbeiten. Du willst doch auch, dass ich dir dein Kacki wegmache, oder?“ Ihre Reaktion auf meine Bitte? Gespielte Gleichgültigkeit. 🙂

Und so wurde es ein recht mühsames, eiliges „Abwickeln“ anstatt eines gemütlichen Erlebnisses zwischen Vater und Tochter. Vor allem, weil ich andere Pläne hatte als die Kleine. Bzw. weil ich Pläne hatte und die Kleien nicht, sie war wie immer voll im Moment. Wie auch immer, am Ende war sie fertig angezogen und ich konnte sie in der Küche übergeben, sprang in meine Laufschuhe, zog den Rucksack auf und rannte los zum Yoga. Mir blieben zwölf Minuten bis Kursbeginn. Die ersten Laufmeter dachte ich noch: „Ob ich es rechtzeitig schaffe? Bekomme ich noch einen guten Platz im Raum? Bin ich dann nicht total aus der Puste?“

Dann musste lachen. War ich nicht auf dem Weg zum Yoga, um zur Ruhe zu finden, auch über das Yoga hinaus? Und war nicht eigentlich der Weg schon ein Teil dieser Ruhe, die ich finden wollte? Nun war ich aber alles andere als ruhig und ausgeglichen. Würde ich diese Unruhe mit ins Yoga nehmen, wäre auch das Yoga eine einzige Anstrengung. Das war doch absurd. Es war an der Zeit, mein Denken zu verändern.

Einfach mal tief Luft holen

Was, wenn ich so oder so genau richtig ankäme, wenn sogar noch Zeit wäre? Dann hätte ich mit der Kleinen gar nicht so zu stressen brauchen sondern noch besser mit ihr connecten können. Und genau so kam es: Ich war pünktlich beim Yoga, es hatte noch easy Platz und der Kurs begann entspannte fünf Minuten später. Ich holte tief Luft und stellte fest, dass ich in den knapp 25 Minuten zuvor weder mir noch meiner Tochter gerecht geworden war.

„Auuuum!“, chantete ich zusammen mit den anderen Yoginis (sagt man das so?) und dachte dabei: „Das passiert mir nicht noch einmal!“

Wir haben ja immer nur den Moment, diesen einen. Und diesen. Und diesen. Wenn wir nur immer daran denken, was sein sollte, wo wir eigentlich sein sollten und was es noch zu tun gibt, anstatt wahrzunehmen und zu genießen was gerade ist, dann verpassen wir das Leben und wie in diesem Fall auch das wahre Sein zusammen mit unseren Kindern und uns selbst. Der Satz „Sie werden ja so schnell groß“ mag abgedroschen klingen, aber nach sechseinhalb Monaten als Vater darf ich feststellen: Es stimmt! Umso wichtiger ist es mir deshalb, jeden Moment allein, mit Kind, mit Partnerin und als Familie voll zu genießen, voll da zu sein.

Ich gebe zu, dass ist ein hoher Anspruch, aber er scheint mir vernünftig. Und ich weiß auch, dass es nicht immer klappen wird. Aber es ist ein Ziel. Die Kleinen werden ja nicht einfach groß, sie wachsen, damit wir mit ihnen wachsen können und nicht, damit alles beim Alten bleibt. Wie heißt es doch so schön: Du kriegst was du gibst. Oder, um es biblischer auszudrücken: „Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.“ Also gönne ich mir und meiner Familie die Zeit und den Moment. Und genau deshalb ist Vaterschaftsurlaub, auch wenn er unbezahlt ist, ein unbezahlbares Geschenk.

Why it’s called present

Für den Rest des Tages (und darüber hinaus, so denn ich über Nacht nicht wieder alles vergesse ;-)) nehme ich mir vor, voll und ganz im Moment zu sein. Und bei meiner Tochter, sobald sie wieder zuhause ist. Jetzt gerade, in diesem Moment wo ich den Beitrag schreibe, ist sie mit ihrer Mutter unterwegs. Deshalb genieße ich den Moment des Schreibens, ausgesprochen erquickt vom Yoga. Solange, bis es an der Haustür klingelt und zwei wundervolle Frauen mich durchs Türfenster anlächeln und mir damit zu verstehen geben: „Papi, wir lieben dich und möchten dich einladen, Zeit mit uns zu verbringen, im Hier und Jetzt, als Familie.

Papa Sven, wenn du das nächste Mal gestresst bist und unbedingt wohin musst, unbedingt etwas erledigen willst, dann versuch es doch einfach mit einem „Moment mal!“, atme tief ein und aus und komm dort an, wo du ohnehin gerade bist. Dein Kind wird es dir danken und dir selbst tut es auch gut. Denn wie sagt Meister Oogway im Film Kung Fu Panda so treffend: „You are too concerned with what was and what will be. There’s a saying: ‚Yesterday is history, tomorrow is a mystery, but today is a gift. That is why it is called the ‚present‘.“

In diesem Sinne: Hey, ho, let’s grow!

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