Und auf einmal ist alles anders #2

Im ersten Teil dieser kleinen Beitragsreihe unter dem Titel „Und auf einmal ist alles anders“ habe ich den dramatischen Ausgang der Geburt unserer Tochter Hannah beschrieben. Es endetet damit, dass sie im Helikopter ausgeflogen wurde. Im zweiten Teil möchte ich beschreiben, wie es danach für uns weiterging. Auch hier sei gesagt: Lies das bitte nicht, wenn du leicht getriggert wirst.

13. April 2017, am späten Abend. Um uns herum ist es still. Simone und ich liegen gemeinsam im großen Geburtszimmer, Arm in Arm, und wissen nicht so recht, was an diesem verrückten Tag alles geschehen ist. Eigentlich sollten wir hier zusammen mit unserer Kleinen liegen, das geht nun aber nicht. Unsere Hannah, dieses gerade erst zur Welt gekommene Menschenwesen, ist mittlerweile 40 Autominuten von uns entfernt und muss eine Odyssee von Untersuchungen über sich ergehen lassen, wie wir später erfahren werden. MRT, EKG, mit freundlichen Grüßen…

Eine der Hebammen hat uns zuvor eine Herzensfaden-Postkarte gegeben. Wir sind verbunden mit Hannah, denn unseren Herzensfäden (eine wundervolle Metapher aus der Emotionellen Ersten Hilfe) verbinden uns fortan für immer, egal wo wir räumlich sind. Gleichzeitig versuchen wir einzuordnen, anzukommen, bei uns zu sein. Es ist schwierig. Nie zuvor habe ich mich so hilflos gefühlt. Ich bin es gewohnt, die Dinge irgendwie im Griff zu haben, zumindest gedanklich. Diese Situation ist jedoch nicht zu fassen. Ich spüre Hilf- und Machtlosigkeit. Ich könnte mich ins Auto setzen und durch die Nacht noch ins Spital waren, jedoch entscheide ich mich dagegen. Ich bin zu erschöpft, ich kann nicht. Im Spital würde ich nur ungeduldig warten, hilflos auf und ab laufen und weder für Hannah noch für Simone richtig da sein können.

Eine unbestimmte Zeit später ziehen wir in unser Wochenbett-Zimmer um, wo alles liebevoll für unseren gemeinsamen Aufenthalt eingerichtet ist. „Warum passiert uns das?“, frage ich mich und blicke an die Decke, wo sich die Schatten der Nacht abzeichnen. Es ist eine Extremsituation, wie ich sie noch nie zuvor erlebt habe. Physisch und psychisch bis ans Limit fordernd. Erschöpfung, Schmerz, Liebe, Hoffnung und viele andere Gefühle kommen und gehen in einem wirren Mix. „Wie gehe ich ‚richtig‘ damit um?“ Ich weiß es nicht. Was bleibt sind die Hoffnung und das Vertrauen, dass alles gut wird.

Wir sind Teil von etwas Größerem

In den Monaten und Jahren zuvor habe ich mich intensiv mit verschiedenen Formen von Spiritualität (abseits des klassischen Katholizismus, mit dem ich aufgewachsen bin) beschäftigt. Vor allem die Idee, dass wir Teil von etwas Größerem sind, welches wir nicht mit unserem bloßen Verstand erfassen können, das uns immer umgibt und durchdringt, hat mich gepackt. Gott ist nicht der Mann mit dem weißen Bart da oben, Göttlichkeit steckt in jedem von uns. Wir kreieren uns unsere (Um)welt, wir entscheiden selbst, wie wir mit den Dingen und Umständen in unserem Leben umgehen. In den schönsten genauso wie in den herausforderndsten Momenten.

Und so liegen Simone und ich da und glauben an das Gute in all dem und vor allem an den positiven Ausgang dieser noch nicht fertig geschriebenen Geschichte. Und doch ist da natürlich immer auch ein Funken Restangst. Wie gern würden wir die Situation kontrollieren, aber wir können nicht. Ich weiß, je mehr wir versuchen die Umstände aus purer Nichtakzeptanz mit den allergrößten Kraftanstrengungen zu ändern, desto erschöpfter bleiben wir am Ende zurück. Das Einzige, was wir in diesem Augenblick tun können, ist in der Kraft zu bleiben und zu Vertrauen. Immer wieder aufs Neue. Und genau das versuchen wir. Es ist die perfekte Möglichkeit, nicht nur davon zu reden, sondern diese Idee auch anzuwenden. Schon jetzt stellen wir verwundert fest, was Hannah in dieser kurzen Zeit in unserem Leben ausgelöst hat.

Irgendwann nach Mitternacht klopft es an der Tür, die in dieser Nacht zuständige Hebamme betritt leise das Zimmer. Wir haben sie darum gebeten, den Kontakt zum Spital für uns aufzunehmen, als Puffer, falls etwas nicht in Ordnung ist und weil sie die richtigen Fragen stellen kann. Die Hebamme tritt zu uns ans Bett und sagt: „Ich habe im Spital angerufen, die Kleine ist stabil.“ Erleichterung. Wieder Tränen. Alles wird gut. Es ist eine lange Nacht, in der wir immer wieder erschöpft erwachen, Tränen vergießen, erneut vertrauen und zurück in einen Halbschlaf sinken.

Am nächsten Morgen wache ich auf und frage mich sogleich, ob ich vielleicht alles nur geträumt habe. Kennst du diese Momente im Leben, in denen du dich fragst, ob das ganze Leben nur ein Traum ist? Ich träume nicht, ich bin wach, alles ist wirklich passiert. „Welche Rolle spiele ich, der Mann, der Vater, der Partner, in dieser ganzen Inszenierung, die sich Leben nennt?“ Ich habe keine Antwort, ich habe nicht einmal den richtigen Text dafür gelernt.

Wir raffen uns auf und frühstücken. Ein wenig Kraft tanken für den Weg zum Spital. Vor allem für Simone ist es eine enorme Anstrengung, sollte sie sich doch eigentlich gerade im Wochenbett erholen, nachdem ihr Körper Schwerstarbeit geleistet hat. Es ist fast unmöglich zu beschreiben, was eine Geburt einer Frau abverlangen kann. Jede sportliche Challenge, die ich bis dahin absolviert habe, kommt nicht annähernd daran heran. Vergesst Ultramarathons, liebe Männer, eine Geburt ist die größte Challenge von allen möglichen auf diesem Planeten – ohne Startnummer und Weltrekordversuche.

Liebe und Schmerz

Nach dem Frühstück packen wir langsam (!) unsere Sachen und machen uns Schritt für Schritt auf den Weg zum Auto. Jeder Schritt ist für Simone mit Schmerzen verbunden. Ich kann mir gar nicht ausmalen, wie sich das alles für sie anfühlt. Worte können das schlecht beschreiben. Zum Glück ist die Mutterliebe eine Kraft, die weitaus stärker ist, als der untertägliche Schmerz, das habe ich schon während der Schwangerschaft gelernt und jetzt umso mehr. Mir als Mann bleibt nur das Staunen. Ich frag mich, wie sich das alles anfühlt. Gefühle sind ja immer wieder ein besonders heikles Thema für viele Männer, auch für mich. Ich fühle gerade sehr intensiv. Eigentlich habe ich das Fühlen immer ganz gut unter Kontrolle, gerade jedoch nicht. Ich bin anders als sonst sehr nah am Wasser gebaut, wie es so schön heißt.

„Jetzt aber los, unsere Tochter wartet auf uns, in Zürich“, denke ich, als wir losfahren. Es gibt keine weiteren Nachrichten, sie ist noch immer stabil und wartet auf unseren Besuch. Wir freuen uns sie endlich wiederzusehen. Bis sie uns sehen kann, wird es allerdings noch eine Zeit lang dauern, wie sich wenig später im Spital herausstellt.

Die Fahrt kann gar nicht schnell genug gehen, trotzdem halte ich mich ans Tempolimit. Wir fahren ins Parkhaus, gehen die von Neonröhren erleuchteten Gänge entlang zum Empfang und fragen nach unserer Tochter. Die Dame am Empfang sagt uns, dass wir an der Tür zur Intensivstation klingeln müssen. Das machen wir. Eine Stimme ertönt. Wir sagen, dass wir unsere Tochter Hannah besuchen wollen. Die Stimme sagt, dass uns jemand an der Tür abholen kommt. Wir warten. Aber nur kurz, dann sehen wir durch das kleine Fenster in der Tür eine Schwester, die auf uns zukommt. Nun sind wir fast bei Hannah. Wir sind aufgeregt, vorfreudig, ängstlich. Zuerst jedoch müssen wir unsere Hände waschen und desinfizieren. Ein Ritual, das uns in den kommenden drei Wochen zur Routine werden wird.

„Erschrecken Sie sich nicht, wenn Sie Ihre Tochter sehen“, warnt uns die Schwester und erklärt, dass Hannah an viele Geräte angeschlossen ist und dass dies im ersten Moment durchaus erschreckend wirken kann. Außerdem erklärt sie uns, warum Hannah in eine Kühlmatte eingewickelt ist. Wir nicken, wir wollen endlich zu ihr. Wir sind auf alles gefasst, Hauptsache wir können endlich bei ihr sein. Dann ist der Moment gekommen. Die Tür vom Gang in die Intensivstation öffnet sich, vor uns tut sich ein Raum mit viele Geräten und ungefähr acht Betten auf. Und gleich im ersten Bett liegt sie, unsere Kleine, inmitten einer scheinbar gigantischen Technikinstallation. So winzig und hilflos. Ein erschütternder Anblick und zugleich spüren wir unendliche Dankbarkeit. Hannah lebt und das ist das Wichtigste!

„Das ist unser Baby“, denke ich und lächle. Und obwohl Hannah sediert daliegt, wissen wir fest, dass sie unsere Anwesenheit und Liebe spürt. Wir berühren sie mit unseren Händen an den Stellen, wo es möglich ist. Sie ist so unglaublich klein und zerbrechlich. Wir legen unsere Finger auf ihre Haut, wir reden mit ihr. Herausnehmen und in die Arme schließen können wir sie nicht, es sind zu viele lebenswichtige Kabel dazwischen. Immer wieder sagen wir, dass wir da sind und das jetzt alles in Ordnung ist und immer besser werden wird. Wir gehen diesen Weg gemeinsam, was auch immer damit verbunden sein mag. Wir machen sogar ein erstes Familien-Selfie, mit dem wir unsere Familien informieren können. Wir sind ihre Eltern, wir lieben sie. Und zwischendurch weinen wir auch immer wieder ein bisschen.

Es ist der 14. April 2017, ringsherum piepsen monoton Maschinen und Pfleger und Pflegerinnen gehen von Bett zu Bett, überprüfen Alarme, die routinemäßig ausgelöst werden, pflegen und erhalten Leben. Heute ist Karfreitag, es ist das Osterwochenende. Während der Rest des Spitals mit reduzierter Belegschaft gefahren wird, herrscht auf der Intensivstation ungebrochen geschäftiges Treiben. Wie es für uns alle weitergeht, das wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Eine Antwort darauf gibt der nächste Beitrag in der Reihe „Und auf einmal ist alles anders“ auf letsgrowpapa.de.

Euer Papa Sven

PS: Der dritte Teil steht noch immer aus. Er folgt sehr bald! (Stand 5.8.2018)

PPS: Du hast eine ähnliche Geschichte erlebt? Oder etwas ganz anderes? Lass es mich gerne wissen oder teile dich direkt den anderem mit. Lasst uns miteinander reden und wachsen, liebe Väter, Männer und Partner. Hey, ho, let’s grow! 

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