Was zählt ist der Rhythmus, Baby!

Warum es als Vater oft so schwierig ist, den eigenen Groove zu behalten

Das ganze Leben ist Rhythmus. Jedes Jahr hat seinen eigenen Rhythmus, bestehend aus Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Jeder Tag hat seinen Rhythmus, bestehend aus Tag (morgens, mittags, abends) und Nacht. Jeder Schlaf hat seinen Rhythmus, besteht aus verschiedenen Schlafphasen. Jedes Kind hat seinen Rhythmus und natürlich hat auch jeder Papa hat seinen Rhythmus. Nur leben kann der Papa seinen Rhythmus nach der Geburt des Kindes oft nicht mehr, jedenfalls nicht so wie zuvor. Er ist durch das Kind auf einmal viel mehr fremdbestimmt als zuvor. Ja, die Mutter auch, oft noch viel mehr durch z.B. die enge (Still-) Bindung an das Kind. Aber um die Mutter soll es in diesem Beitrag nur am Rande gehen.

Don’t loose your Groove, würde der entspannte, kinderlose Blues Brother dem Vater von heute vermutlich raten. Das ist einfach gesagt, denn der Blues Brother hat zwar eine Zigarette im Mund, aber kein kleines Kind an der Backe. Mein Groove bzw. Rhythmus ist heute zumeist ein anderer als vor der Geburt meiner Tochter. Ich bin kein Blues Brother, der immer alles ganz easy nimmt und niemals seinen Blues bzw Groove bzw. Rhythmus verliert. Denn ich habe ein Kind an meiner Seite mit seinem ganz eigenen Rhythmus.

Sie tapst wie eine Nähmaschine

Wir sind zur Zeit zu Besuch bei Freunden in Italien, im Urlaub. Sie haben einen jungen Sohn, wir haben unsere Tochter. Wir entspannen uns gerade als Familie sehr tief und fahren sprichwörtlich mehrere Gänge runter als Familie, nachdem wir in sehr kleinen Gängen den Berg raufgefahren sind. Im Urlaub wird alles ein wenig langsamer, denn wir haben viel Zeit und wenig vor, das diese Zeit füllen soll. Das tut gut und ist eine willkommene Abwechslung von unserem gewöhnlichen Leben in der dann doch recht schnelllebigen Großstadt Zürich. Vor allem für uns Eltern. Hannah ist eigentlich wie immer: Neugierig, aufmerksam, entdeckungsfreudig, energetisch. Wie eine eifrige Nähmaschine tapst sie durch die Welt und erkundet ihre Umgebung. Egal wo.

Hier oben habe ich als Vater endlich ausreichend Qualitäts-Zeit für meine Tochter, ohne immer daran zu denken, was noch beruflich oder im Haushalt zu erledigen ist. Raum und Zeit dehnen sich im Urlaub oft aus. Endlich kann ich mich mit ihr synchronisieren, ich kann meinen Rhythmus dem ihrigen anpassen ohne mich gestresst oder genervt zu fühlen, ohne immer daran zu denken, was noch alles zu tun ist. Mein Fokus kann viel länger und besser auf meine Tochter (und auch meine Partnerin) gerichtet sein, ohne dass irgendein ToDo ihn auf sich zieht. Und wenn es dann doch einmal ein spontanes ToDo gibt, wie zum Beispiel diesen Blogbeitrag zu schreiben, dann schreibe ich ihn „einfach“ wenn der Rest der Familie noch schläft. Mit einem Kaffee vor der Nase und der Morgensonne am Himmel – heißt am frühen Morgen.

„Heureka!“

Doch kommen wir zu meinem Heureka-Erlebnis, das mich dazu gebracht hat, all diese Gedanken aufzuschreiben: In den vergangenen Tagen sind wir nach einem gemeinsamen entspannten Frühstück mit unseren Freunden und Kindern stets in die Bar Teatro geschlendert, um dort einen Kaffee zu trinken. Einen richtigen, italienischen Kaffee, also einen richtig guten Kaffee. (Ja, klingt nach Klischee, ist aber wahr!) Die Morgensonne hat unsere Körper gewärmt und die knapp 150 Meter zum Café haben wir langsam mit vielen Unterbrechungen und Zwischenstopps zurückgelegt. Entweder mit den Kindern im Kinderwagen oder mit den tapsenden Kindern zu Fuß an unserer Seite. Der Weg war das Ziel, denn die Kinder wollten immer mal wieder stoppen, wir haben uns Dinge auf dem Weg angeschaut, wir haben gebummelt. Dadurch hat es recht lange gedauert, bis wir in der Bar Teatro angekommen sind. Und das war vollkommen in Ordnung, denn alle waren entspannt dabei.

Ganz anders heute Morgen, da bin ich alleine vorgegangen, da ich noch etwas am Computer und für mich alleine erledigen wollte. Ich hatte ein anderes Ziel vor Augen als den Weg durch das verschlafene Lanzo, diesem italienischen Bergdorf, in dem jedes zweite Haus leer und zum Verkauf steht. Ich wollte ins Café, ins Internet, meine Dinge (ein paar Mails beantworten und einen Podcast hochladen) erledigen. Und so kam es, dass ich doppelt, wenn nicht gar dreimal so schnell im Café war als an den Tagen zuvor, an denen ich den Weg mit dem gesamten Tross zurückgelegt hatte. Ich bin in meinem eigenen Tempo gegangen, sehr flott, ohne meine Aufmerksamkeit auf die bröckelnden Fassaden zu richten. Das hat sich anders angefühlt als die Tage zuvor. Flotter, direkter. Irgendwie dynamischer.

Nach zu viel Anspannung kommt die Verspannung

Da ist mir bewusst geworden, wie wenig eigenbestimmt ich sein kann, wenn ich mit meiner Familie unterwegs bin. Ich kann die Dinge NICHT in meinem eigenen Rhythmus tun. Sind wir zu dritt, müssen drei Rhythmen synchronisiert werden bzw. die Rhythmen von Mama und Papa müssen sich dem Rhythmus des Kindes anpassen. Tun sie das zu wenig, wird es ungemütlich. Sind wir zu sechst, wie eben zur Zeit in Lanzo, wird alles noch ein wenig komplexer. Wenn alle entspannt sind und die Zeit da ist, kann die Synchronisation auch zu sechst wunderbar gelingen, denn alle Eltern sind irgendwie easy going. Anders als zuhause, wenn all die Aufgaben (Ziele) des gewöhnlichen Lebens dich aus dem Moment immer wieder herausreißen und zukünftiges wichtiger wird als das Jetzt.

Diese Erkenntnis hat mich zum Nachdenken gebracht. Und zu dem Vorsatz, Rhythmuswechsel ab sofort noch bewusster wahrzunehmen und zu leben. Wann braucht es wirklich meinen eigenen Rhythmus, wann kann ich gezielt loslassen und mich auf den Rhythmus der anderen einlassen? Darin verborgen liegt die große Chance zur Entspannung. ENTSPANNUNG. Denn wo verschiedene Rhythmen aufeinander prallen, entsteht für gewöhnlich Spannung. Wo sie sich synchronisieren können, entspannt sich das Sein. Auf Anspannung darf zur rechten Zeit Entspannung folgen, um dann wieder von einer neuen Dynamik und Anspannung abgelöst zu werden. Aber nicht zu lang, denn nach zu langer Anspannung kommt die Verspannung.

Um es mit den Worten eines Blues Brothers auszudrücken, der auch Vater ist: Finde zwischendurch immer wieder deinen eigenen Groove, wenn du kannst, und danach groove zusammen mit den anderen in ihren Rhythmen. Spiel mit dem Rhythmus des Lebens, entspann dich, wenn du Zeit und Raum dazu hast. Nimm dir diese Zeit und schaff dir diesen Raum. Und spann dich erst wieder an, wenn es Anspannung braucht, ganz gezielt. Finder immer wieder das italienische Bergdorf in dir, wenn du loslassen willst. Und die Großstadt, wenn es sein muss. Denn was im Leben eines Papas zählt ist der richtige Rhythmus zur richtigen Zeit, Baby!

Wie ergeht es dir? Kennst du das Rhythmus-Problem? Wie gehst du damit um?

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