Die Geisterschaukel

Immer wieder verarbeite ich meine Erlebnisse mit Hannah in kleinen, fiktiven Erzählungen. Die erste Erzählung, eine Gruselgeschichte, führt uns am frühen Morgen auf einen nebligen Spielplatz inmitten von Zürich. Doch lest selbst…

Die Geisterschaukel

Es ist früh am Morgen, der Nebel liegt noch in den Straßen und doch schiebe ich still und heimlich den Kinderwagen durch die leeren Gassen. Hannah schaut vorn raus, ich schiebe hinten dran. Väter die Kinderwagen schieben sind die modernen Sisyphosse dieser Welt. Nur statt einen Felsblock zu tragen, wie Sisyphos, schiebe ich einen gefederten TFK Joggster mit Lammfelleinlage.

Die Sonne steigt höher, als wir uns dem Artergut, einer Spielwiese in Zürich, nähern. Zwischen dem Nebel sind einzelne Umrisse von Spieplatzgeräten zu erkennen. Ein Klettergerüst, eine Rutsche, eine Reihe von schwarzen Gummisitz-Ketten-Schaukeln. Ein leichter Wind pfeift mir um die Nase, während Hannah mit einem „Da!“ auf die Schaukeln deutet und nach meiner Hand greift. Sie wiegen sich sanft hin und her, obwohl niemand auf ihnen sitzt. Dabei knarzen ihre Ketten leicht.

„Geisterschaukeln“, denke ich und bekomme Gänsehaut. Ich umklammere Hannahs kleines Händchen und sehe mich ängstlich um. Ein leises „Hihihi“ und „Hui“ und „Juhu“, höre ich. Es sind Kinderstimmen, allerdings sehe ich keine Kinder. Die Stimmen huschen wie kleine Insekten durch die Luft und dringen zusammen mit der kühlen Morgenluft in meiner Ohr. Trügen mich meine Ohren und Augen? Wo sind die Kinder, die zu diesen Stimmen gehören? Dann wird mir klar:

„Das Es sind keine lebendigen Kinder, es sind Geisterkinder. Das sind die Stimmen der verstorbenen oder ungeborenen Kindern, deren verspielte Seelen nachts heimlich auf den Spielplätzen dieser Welt spielen.“

Alle Kinder wollen spielen

Denn auch die Seelen verstorbener Kinder wollen spielen, solange bis sie einen neuen Körper gefunden haben, in dem sie das Licht der Welt erblicken können. Solange toben sie nachts, unbemerkt von allen anderen auf den Geräten herum. Mir wird schummrig. Langsam löse ich meine Umklammerung und Hannahs Gurt, dann hebe ich sie aus dem Wagen und setze sie auf dem Spielplatzboden ab. Der Untergrund ist feucht und modrig von der nebligen Nacht.

„Bleib schön dicht bei mir“, flüstere ich ihr ins Ohr und greife erneut nach ihrer Hand.

Ich blicke mich um. Der Nebel kriecht uns um die Füße. Sind wir sicher? Ich höre leise Schritte, dann das Quietschen des Spielplatzgatters. Ich erschrecke. Die Schritte kommen näher, ich höre ein rasselnden Atmen, es ist direkt hinter uns.

„Ha, Ha, Hallo“, stottere ich und drehe mich um.

Nichts. Doch verliere ich dabei Hannahs Hand. Ich taste nach ihr. Sie ist fort. Hannah hat einen Schritt gemacht und ist im Nebel verschwunden.

„Hannah? Wo bist du?“, frage ich panisch und stochere mit den Händen im Nebel nach ihr.

Die alte Frau mit der langen Nase

Ich höre das Trippeln ihrer kleinen Füße neben mir, sehe sie aber nicht. Hannah scheint auch mich zu suchen. Ich höre sie verunsichert „Papi?“ sagen. Sie ist nicht weit von mir entfernt, dass spüre ich, doch ich kann sie einfach nicht greifen. Nun höre ich aus derselben Richtung die anderen Schritte und das rasselnden Atmen einer anderen Person. Wenige Sekunden später zeichnen sich vage Konturen vor mir ab. Es sind die Konturen einer alten Frau, die auf ihren Stock gestützt ihre lange Nase direkt vor mein Gesicht hält.

„So früh schon auf dem Spielplatz?“, fragt sie und zeigt mir ihre schiefen, verfaulten Zähne. „Konnte die Kleine etwa nicht mehr schlafen?“

Ich nicke, meine Kehle ist trocken. Ist das wieder eine dieser alten Frauen, die mein Kind einfach anfassen, ihm in die Wange kneifen und sagen: „Och, das ist aber eine süße, Kleine.“ Ich kann diese Frauen nicht ausstehen. Doch diese Alte ist anders, sie ist nicht einfach alt und übergriffig. Nein, ihr Wesen hat etwas Gefährliches, sie ist bösartig. Und alt. Und übergriffig. Wir sind in Gefahr, das spüre ich intuitiv. Wie konnte ich auch nur auf den Dummen Gedanken kommen, vor Sonnenaufgang auf den Spielplatz zu gehen? So dumm, so unglaublich dumm von mir! Dann sehe ich, dass Hannah direkt neben ihr steht und sich am Stock der Alten festhält. Hannah will gerade auf mich zulaufen, als sich die alte zu ihr herunter beugt und ihre lange Nase eine unüberwindbare Barriere zwischen Hannah und mir bildet.

„Lassen Sie meine Tochter zu mir, gehen Sie aus dem Weg.“

Ich habe als Vater versagt

Die Alte antwortet nicht, stattdessen höre ich nur ein unheilvolles Kichern. Ein Kichern, wie nur eine böse Hexe es von sich geben kann. Hannah ist in großer Gefahr. Die Stadthexe wartet im Gegensatz zu einer Waldhexe nicht darauf, dass Kinder sich verlaufen und zu ihren Knusperhäuschen kommen. Die Stadthexe holt sich ihre Kinder von unvorsichtigen Eltern im Morgengrauen. Statt „Knusper, knusper, knäuschen, wer knabbert an meinem Häuschen?“ singt sie in schrägen tönen. „Im dunklen Nebel der Stadt und bei kühlem Wind, da klau ich mir mein Frühstückskind!“ Wenn die Hexe meine Tochter jetzt berührt, wenn sie Hannah schnappt und im Nebel davonhuscht, dann ist Hannah verloren, dann habe ich als Vater versagt.

Ich muss etwas unternehmen, ich muss sie aufhalten, ich muss denn Mann in mir wecken und sie retten. Also nehme ich allen Mut zusammen, spanne meine wenigen Muskeln an und hechte mit einem „Hannah, Papi ist immer für dich da!“ nach vorn. Ich will die Hexe zu Boden reißen und von Hannah wegzerren. Doch ich greife daneben, lande kopfüber im Sand und schlucke Dreck. Ich habe versagt. Während ich im Dreck liege, steigen Tränen in mir auf.

„Was bin ich nur für ein Vater?!“

Ahnungslos glücklich

Ich höre ein lauthalses Lachen. Ein fröhliches Lachen. Langsam schaue ich auf und sehe direkt in Hannahs fröhliches Gesicht. Sie steht im hellen Morgenrot da. Die Sonne hat in jenem Momentden Weg über die Baumwipfel hinweg geschafft und mit ihren warmen Strahlen den Nebel und die alte Hexe vertrieben. In meinem Kopf spielt die Peer Gynt Melodie. Vögel beginnen zu zwitschern. Und auch die Schaukeln bewegen sich nicht mehr, die geisterhaften Kinderstimmen sind verstummt. Nur Hannah gluckst fröhlich und sieht mich mit großen Augen an. Sie streckt mir ihre Hand entgegen. Die süße Kleine, sie ahnt nicht, wie nah sie dran war, zu einem der schaukelnden Geisterkinder zu werden. Kinder sind manchmal so naiv, das ist ihre große Stärke und Schwäche zugleich. Ich raffe mich auf, wische mir den Staub von der Hose und lächle.

„Willst du schaukeln?“, frage ich sie, als wäre nichts gewesen, und schaue mich zur Sicherheit ein weiteres Mal um.

Hannah lächelt, rennt auf die Schaukel zu, hält sich an ihr fest und schüttelt sie. Ihre Art „Ja!“ zu sagen. Ich blicke mich noch einmal um und überprüfe, ob die Hexe auch wirklich verschwunden ist. Keine lange Nase in Sicht. Dieses Mal habe ich Glück gehabt. Mir wird bewusst: Ein Kinderspielplatz ist tagsüber ein Ort für Freude und Spaß, in der Nacht jedoch und vor den ersten Sonnenstrahlen ist es ein gefährlicher Ort. Gefährlicher als jedes Stadtghetto. Nehmt euch also in acht, liebe Väter und Mütter, wenn euer Kind das nächste Mal früh wach wird und ihr auf die Idee kommt, einen nebligen Kinderspielplatz aufzusuchen. Euch könnte etwas grauenhaftes Wiederfahren…

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