Und auf einmal ist alles anders #1

Update 23.10.17: Der folgende Artikel berichtet von einer alles andere als reibungslosen Geburt und kann heftige Gefühle auslösen. Das jedenfalls ist die Erfahrung des ersten Tages nach Veröffentlichung des Beitrags und zahlreichen Reaktionen darauf. Wer schnell getriggert wird, sei deshalb gewarnt. 

Es ist der 13. April 2017, 19:44 Uhr. Nach einem langen Tag voller Wehen und all den Dingen, die zu einer natürlichen Geburt dazugehören, erblickt unsere Tochter Hannah endlich das Licht der Welt im Geburtshaus Bäretswil. Unglaubliches Erstaunen und riesige Glücksgefühle erfüllen mich. Da ist es also, dieses kleine Wesen, das ich zuvor nur durch die Bauchdecke meiner Partnerin Simone erspüren konnte. Leibhaftig und … Moment, irgendetwas stimmt nicht. Sollte sie nicht schreien, wie es kleine Babys für gewöhnlich direkt nach der Geburt tun, um zu sagen “Hey, da bin ich!”?

Nichts dergleichen passiert? Statt zu schreien, schweigt sie. Mehr noch, ihr Körper wird plötzlich schlaff. Die Hebamme wird unruhig und nimmt sie eilig von Mamas Bauch. “Oh nein, irgendwas stimmt nicht?”, denke ich und blicke vom Baby zu Simone und dann zur Hebamme. “Du musst jetzt sofort aus dem Wasser kommen”, sagt die Hebamme zu Simone. Wir wissen nicht, wie uns geschieht. Es ist wie in einem schlechten Traum, aus dem du nicht aufwachen kannst. Simone steht auf, klettert gestützt von mir und einer Hebamme aus dem Geburtsbecken und geht unter Schmerzen und mit Blutungen zum Geburtsbett. Hannah wird auf dem Bett sofort abgenabelt, die Hebamme gibt ihr eine Herzmassage, dann passieren viele Dinge gleichzeitig. Am Ende liegt Hannah auf einem Wickeltisch und hat eine Sauerstoffmaske auf dem Gesicht. Sie kann nicht atmen.

Ich kann kaum beschreiben, was sich alles in meinem Inneren abspielt. Es ist eine Mischung aus Hilflosigkeit, tiefer Verlustangst, großem Hoffen und vielen anderen Gefühlszuständen. Dieser eigentlich so schöne Moment der Geburt ist auf einmal vollkommen entglitten und zu einem Albtraum geworden. Wir hatten uns doch alles ganz (!) anders vorgestellt. Hannah sollte zur Welt kommen, auf Mamas Brust liegen, ihren ersten Schrei ausstoßen, ihre Nabelschnur sollte auspulsieren und alles sollte ganz gemütlich und entspannt sein. Wir wollten eine glückliche Familie sein, nach einer gar nicht so anstrengenden Geburt. Okay, uns war schon klar, dass das mit der geringen Anstrengung vermutlich nicht klappen würde, aber so ein hochdramatisches Ende hatten wir nicht erwartet.

Ohne externen Sauerstoff würde sie ersticken

Wie wir später erfahren sollten, hat Hannah im Mutterleib ihr Kindspech ausgestoßen und im Stress – das wird angenommen – während der Geburt eingeatmet. Mekoniumaspiration nennt man das in der Fachsprache. Das passiert immer wieder mal, meistens geht es glimpflich aus. Vor allem dann, wenn sich die Menge des Mekoniums in der Lunge in Grenzen hält. Hannahs Lunge jedoch hat zu viel Mekonium abbekommen. Sie ist verklebt und die Lungenflügel können sich nicht richtig entfalten. Sie schnappt krampfhaft nach Luft, sie will atmen und leben, doch sie kann nicht. Ohne externe, 100%ige Sauerstoffzufuhr würde sie ersticken.

Der Notarzt wird alarmiert. Es herrscht hektisches und zugleich äußert fokussiertes Treiben im Geburtshaus. Die Minuten vergehen wie in Zeitlupe und zugleich unglaublich schnell. Während zwei Hebammen sich um Hannah kümmern, wird alles für die Ankunft des Notarztes vorbereitet. Er wird mit dem Helikopter kommen. Seine Landung ist nochmal eine ganz eigene Geschichte.

Während Simone unter Begleitung einer Hebamme die Nachgeburt hat, stehe ich bei Hannah am Tisch und rede ermutigend auf sie ein. Zwei Hebammen bebeulten sie, überprüfen ihre Sauerstoffwerte. Immer wieder sage ich Dinge wie: „Du schaffst das, Hannah. Ja, sehr gut. Ja, du schaffst das.“ Hannah kämpft, sie will atmen, sie will der Welt “Hallo!” sagen. Doch es funktioniert nicht, sofort fallen ihre Werte und sie muss erneut bebeutelt werden.

Nach bangen Minuten des Wartens und Bebeutelns seitens der hervorragend reagierenden Hebammen trifft endlich der Notarzt ein. Er musste zunächst einen geeigneten Landeplatz finden. Der eigentlich vorgesehene Platz kann nicht angeflogen werden. Auch der Parkplatz der anliegenden Eissporthalle kann nicht genutzt werden, dort findet gerade ein Eishockeyspiel statt. Zum Schluss bleibt nur die Straße, von der eilig herbeigeeilten Polizei abgesperrt. Ich weiß nicht wie lange es vom ersten Schock bis zum Eintreffen des Notarztes dauert, vermutlich 45 Minuten, vielleicht sogar länger. All das erfahren wir erst später, sind wir doch drinnen voll und ganz auf den Moment fixiert.

Raum und Zeit gehen verloren

Ich verliere total das Gefühl für Raum und Zeit. Zwischendurch eile ich zu Simone herüber, um ihr zu sagen, dass alles gut wird. Ich mache ein paar schnelle Fotos mit dem Smartphone, damit auch sie ihre Tochter sehen kann. Es sind dramatische Minuten. Ich kann sie kaum in Worte fassen, so benebelt scheint mir alles im Nachhinein. Nie zuvor habe ich so gut funktioniert, mein ganzer Körper ist voller Adrenalin. Dann muss ich den Raum verlassen, das Ärzteteam kümmert sich hinter verschlossener Tür um unsere Kleine. Ich bekomme noch mit, wie der Arzt ihr eine Infusion legt und beim ersten Ansetzen nicht die Vene trifft, dann schließt sich die Tür.

Ich sinke hilflos neben Simone aufs Bett. Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr. Mir schießen die Tränen in die Augen, ich beginne zu weinen. Ach was, ich heule wie ein Wasserfall. Und wie. So fest habe ich lange nicht geweint, vermutlich niemals zuvor in meinem Leben. All die Hilflosigkeit und die ganze Verzweiflung brechen sich Bahn. Aufgestaute Energie entlädt sich. Habe ich zuvor noch funktioniert, kann und will ich nun nicht mehr funktionieren. Ich wundere mich über mich selbst. Ein Mann, der so kontrolliert durchs Leben geht, kann nicht aufhören zu weinen? Ich spüre, es ist gut so. Ich lerne mich neu kennen. Nicht das letzte Mal in den kommenden Tagen und Wochen.

Simone und ich nehmen uns in den Arm, wir weinen gemeinsam. Zum Glück haben wir die Hebammen um uns herum, die uns zusätzlich Halt und Kraft geben. Auf einmal, ganz ohne Vorwarnung, ist alles anders, im wahrsten Sinne des Wortes. Statt unser Kind erschöpft und glücklich in den Armen zu halten, wird es im Nebenzimmer sediert und intubiert. Hannah bekommt Infusionen und wird auf eine Kühlmatte gelegt. In den nächsten Stunden werden die Ärzte sie auf 33,5 Grad abkühlen. Sie wird sozusagen tiefgekühlt, im Fachjargon heißt dieses Verfahren Hypothermie. Das ist eine Behandlungsmethode bei einer postnatalen Asphyxie aufgrund einer Mekoniumaspiration. Um das Gehirn und andere Organe zu schützen und zu entlasten.

Sie sieht aus wie ein Borg 

Als die Ärzte fertig sind, haben wir noch kurz die Gelegenheit uns von der Kleinen zu verabschieden. Sie wird wenig später alleine, ohne uns ausgeflogen werden. Die Ärzte bitten darum, dass wir frühestens in zwei Stunden im Krankenhaus erscheinen, solange würde die Erstbehandlung inklusive aller Checks mindestens dauern. Wir stimmen zu, was sollten wir auch anderes tun. Und dann verabschieden wir uns vorläufig – so schlimm es auch für uns ist – von unserer kleinen Tochter, die mittlerweile an schier unendlich viele Kabel angeschlossen ist. Ein bisschen erinnert sie mich an die Borg, ein Mensch-Maschine-Mischwesen aus der Star Trek Next Generation Serie.

“Fuck”, denke ich und bin zugleich unendlich dankbar. Ich spüre eine tiefe, nie zuvor dagewesene Liebe, ganz tief im Herzen. Im Herzen eines frisch gebackenen Papas. Ich weiß, ohne all die Hebammen, Ärzte und Geräte wäre unserer Tochter längst tot. Doch sie lebt. Allerdings in den kommenden Stunden erst einmal ohne ihre Eltern an ihrer Seite. Sie wird aus dem Zimmer gefahren und wir bleiben aufgewühlt und erschöpft zurück. Wenig später hören wir, wie der Helikopter startet. Überall ist Blut. Die Hebammen sind an unserer Seite, behandeln uns liebevoll, spenden uns Trost und geben uns Kraft. Auch wenn Hannah erst einmal fort ist, unsere Gedanken und Herzen sind bei ihr. Egal wo sie ist, wir sind mit ihr verbunden.

Simone und ich beschließen in diesem Moment, dass wir den Ärzten unser vollstes Vertrauen schenken. Wir beschließen fest daran zu glauben, dass alles gut wird. So schlimm das alles auch ist, wir wollen uns nicht und Hannah nicht als Opfer sehen. All das hat einen Grund, auch wenn wir ihn jetzt noch nicht begreifen können. Alles hat einen Grund, nichts geschieht einfach so. Was auch immer kommen mag, wir werden versuchen es mit aller Kraft zu meistern. Und Kraft brauchen wir in diesem Moment reichlich. Vor allem Simone, die mit aller ihr zur Verfügung stehenden Energie ein Baby zur Welt gebracht hat. Auch wenn ich die ganze Zeit dabei war, ich kann mir kaum ausmalen, wie sich all das für sie angefühlt hat und weiterhin anfühlt.

Während Hannah im Helikopter ins Kinderspital nach Zürich geflogen wird, halten wir uns fest in den Armen und versuchen etwas zur Ruhe zu kommen. Vor uns die wenigen Fotos unserer Tochter, in uns ganz viel Liebe, Hoffnung und Zuversicht. Was danach kommt und wie es für unsere kleine Familie weitergeht, das erzählt zeitnah der zweite Blogbeitrag auf letsgrowpapa.de. Nur soviel: Es gibt ein Happy End. Doch diese lebensverändernde Geschichte, die sich vor nunmehr knapp sechs Monaten abgespielt hat, will Stück für Stück erzählt werden.

Euer Papa Sven

HIER GEHT’S ZUM ZWEITEN TEIL

PS: Warum ich diese Geschichte erzähle? Um meine Erfahrungen zu teilen, um Mut zu machen, um aufzuklären. Nur wenn wir uns auch über die vermeintlich schlimmsten und persönlichsten Erfahrungen austauschen, können wir wachsen. Und genau das ist mein Ziel. Mehr dazu findest unter “Über Papa Sven”.

5 Comments

  1. Astrid 22. Oktober 2017 at 23:50

    12. April 1994
    9 Wochen zu früh.
    1450 Gramm.
    Sah aus, wie ein aus dem Nest gefallener Vogel.
    Ich freue mich, dass wir leben. Ohne intensive medizinische Hilfe würde es uns nicht mehr geben.
    Ein schwieriger Start kann den Blick auf das “Wunder Kind” noch schärfen.
    Ich wünsche euch viele bereichernde Erfahrungen, viel Neugier und Kraft.
    Immer wieder neu.

    Reply
  2. Melanie 23. Oktober 2017 at 16:12

    ?
    Das geht tief ins Herz

    Reply
  3. Pingback: Und auf einmal ist alles anders #2 - letsgrowpapa

  4. Ro 29. Oktober 2017 at 20:44

    Wow. Danke für deine Geschichte. Ich bin so tief bewegt und in mir kommen die Gefühle hoch, wie es für euch direkt nach der Geburt wohl gewesen sein muss. Mir fehlen die Worte um dieses beschreiben zu können. Schön hast du diese gefunden.

    Freue mich für dich, bist du der Papa von Hannah geworden!

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  5. Pingback: Dubai mit Baby #4 - Biba hat Fieber - letsgrowpapa

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