Papa, der Selbstoptimierer

Und schwupps, schon wieder ist eine Woche um. Eine ganze Woche! SIEBEN TAGE! Seitdem ich Vater bin, hat sich die Zeit in meinem Leben sehr verdichtet, Tage und Wochen gehen nahtlos ineinander über, verschwinden im Eiltempo. Ich bin immer wieder erstaunt, dass es im April schon zwei Jahre her ist, dass ich Vater geworden bin. Eigentlich sind zwei Jahre nicht viel, aber mein Gefühl sagt mir etwas anderes. Gefühlt habe ich den Großteil meines Lebens als Vater verlebt. Kennst du dieses Gefühl?

Ich werde im Mai 39. Da besteht ganz offensichtlich eine Diskrepanz zwischen meiner persönlichen Wahrnehmung und der messbaren Wirklichkeit. In Wirklichkeit habe ich gerade einmal 5% meines bisherigen Lebens als Vater verbracht. Die eben erwähnte Dichte meines momentanen Lebens lässt mich immer wieder nachdenken. Dabei kommen stets zwei Fragen auf:

1.) Wie kann ich mein Leben als Vater mit dem Wunsch nach Privatleben und Freiheit optimieren?
2.) Inwieweit kann ich vom Gedanken der Optimierung loslassen und einfach sein?

Selbstoptimierung, das ist so ein neumodischer Begriff. Was steckt dahinter? Vor allem aus der Sicht des Vaters?

Niemals hatte ich mehr Verantwortung in meinem Leben als jetzt. Ich bin nicht mehr nur für mich verantwortlich, ich habe nun eine Familie. Persönliche Freiheit trifft auf Partnerschaft und Vaterschaft. Wer selbst Familie hat, der weiß: Nichts ist mehr wie zuvor. Aus diesem Grund interessiere ich mich sehr für das Thema Selbstoptimierung. Wo kann ich mich in meinem Leben verbessern, wo kann ich mich optimieren, wo kann ich noch ein bisschen mehr herausholen, damit es mir und den anderen besser geht?

Stillstand ist ja bekanntlich der Tod, geht voran bleibt alles anders. Jedenfalls singt Herbert Grönemeyer das. Fakt ist: Wenn ich der alte Sven bleibe, werde ich der neuen Situation als Vater nicht gerecht. Die wenigsten von uns werden als Vater geboren und sind von Natur aus gerüstet fürs Vatersein. Eher ist das Gegenteil der Fall. Ist das Kind erstmal auf der Welt, gerät vieles ins Wanken und eine unbequeme Wahrheit tut sich auf: Nicht nur das Kind wächst, auch der Vater hat die Aufgabe (mit dem Kind) zu wachsen.

Raus aus der Komfortzone?!

Raus aus der Komfortzone der liebgewonnen und unhinterfragten Lebensgewohnheiten, rein in die Elternschaft. Doch was tun? Rat suchen! Ich bin ein großer Freund von Büchern und Hörbüchern. In dieser Woche sind mir gleich zwei begegnet: „Definiere dich neu – Das Update für ein außergewöhnliches Leben“ von Vishen Lakhiani und „The Awakened Family: A Revolution in Parenting“ von Shefaili Tsabary. Zwei sehr spannende Bücher, dich ich noch nicht bis zum Ende durchgelesen habe aber schon jetzt als Anregung empfehlen möchte.

Lakhiani schreibt in seinem Buch über Brules, also Bullshit-Regeln, die wir oft unbewusst mit uns herumtragen und die uns das Leben unnötig sperrig und schwer machen. Sie stehen zwischen uns und unserer inneren Freiheit. Er beschreibt einen Weg zum Aufspüren dieser Regeln und erklärt, wie wir sie überwinden können. Das finde ich sehr reizvoll, denn als Vater möchte ich meiner Tochter ein motivierendes Vorbild sein. Jemand, der sein Leben in Fülle und Liebe lebt, statt unzufrieden nach unhinterfragten Regeln ein mehr oder weniger unglückliches Leben zu leben.

Tsabarys Buch beschäftigt sich mit etwas ähnlichem, allerdings voll und ganz aufs Elternsein und die Familie bezogen. Wie werde ich zum „Conscious Parent“, also zum bewussten Elternteil, der nicht blind irgendwelchen erlernten, nicht hinterfragten, suboptimalen und unbewussten Verhaltensweisen erlegen ist? Wie kann ich mein Kind so erziehen bzw. so mit ihm zusammenleben, dass es optimal gedeihen kann? Hier geht es vor allem um Bewusstwerdung.

Optimierung versus Sein?

Zwei, wie ich finde, spannende „Optimierungsansätze“. Ich möchte ein guter Vater sein, ich möchte mich verbessern, ich möchte dazulernen. Wie ist es mit dir? Geht es dir ähnlich, lieber Leser? Geht es im Leben nicht immer darum, etwas zu lernen und irgendwie besser zu werden. Womit wir zu meiner zweiten Ausgangsfrage kommen: Inwieweit kann ich vom Gedanken der Optimierung loslassen und einfach sein?

Setze ich mich mit all dem vielleicht selbst viel zu sehr unter Druck? Was braucht eine gute Vaterschaft? Ständiges dazulernen? Oder ist es nicht irgendwann auch mal gut so wie es ist? Ich laufe manchmal Gefahr zu denken, dass ich nicht genug bin, dass es immer noch etwas zu verbessern gibt. Ich sehe andere Väter und denke „Wow, so gelassen/klar/fröhlich/… wäre ich auch gerne!“. Ich vergleiche mich mit den anderen bzw. ich vergleiche mich mit dem, was ich sehe. Kein leichtes Unterfangen. Mehr noch, es ist sogar gefährlich!

Die Lösung meines Problems: Die Bereitschaft zum ständigen Hinterfragen des Gewohnten und der Wille zu Veränderung und Verbesserung, VERBUNDEN mit der nötigen Portion Gelassenheit, d.h. der Fähigkeit des Loslassenkönnens dieser Ideale, zumindest für den Moment. Ja, für den Moment. Denn am Ende geht es vor allem darum, im Moment zu sein (siehe auch meinen Blogbeitrag „Vater.Sein.“).

Wir werden niemals perfekt sein

Wir werden niemals perfekt sein, denn Perfektion im Vatersein gibt es nicht, sie ist und bleibt ein Ideal. Kein Kind will einen perfekten Vater, denn dann hätte es keinen Grund mehr bei ihm zu sein. Es ist auf dieser Welt, um etwas von seinem unperfekten Vater zu lernen und dazu, ihm gleichzeitig etwas zu lehren. Und dieses Lernen und Lehren passiert in den ganz alltäglichen Momenten.

Unsere Kinder sind stets im Moment, jedenfalls solange wir sie nicht daran hindern und ihnen etwas anderes eingetrichtert haben. Und genau so einen Moment hatten Hannah und ich  heute Morgen am Seeufer, mit Blick auf die an uns vorbeischwimmenden Enten und Schwäne. Wir waren gemeinsam, einfach da, für den Moment. Die Sonne auf unseren Gesichtern, das Lachen im Herzen. Mit dem Wissen: Wir sind zusammen hier, damit wir zusammen wachsen können.

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