Mein Kind, das iPhone und ich

„Noch einmal Peppa Butz luege!“, sagt sie auf Schweizerdeutsch und schimpft, weil ich ihr das iPhone soeben abgestellt und weggenommen habe. Sie ist entsetzt, sie mag es nicht, wenn der Konsum von digitalem Kontent auf einmal beendet wird. Vor allem wenn es das kleine Schwein Peppa Wutz ist, das doch gerade noch so fröhlich lachend über den Bildschirm gehüpft ist. Hannah wächst umgegeben von digitalen und smarten Geräten auf. Bei uns sind das vor allem Geräte von Apple, einen Fernseher haben wir nicht.

Hannah sieht Mama und Papa tagtäglich Smartphones nutzen und sie weiß schon, wie man touched und swiped. Hannah ist zwei. Laut WHO sind für ihr Alter folgende Empfehlungen in Bezug auf Bewegung, Screentime und Schlaf einhaltenswert:

Spend at least 180 minutes in a variety of types of physical activities at any intensity, including moderate-to-vigorous-intensity physical activity, spread throughout the day; more is better.

• Not be restrained for more than 1 hour at a time (e.g., prams/strollers, high chairs, or strapped on a caregiver’s back) or sit for extended periods of time. For 1-year-olds, sedentary screen time (such as watching TV or videos, playing computer games) is not recommended. For those aged 2 years, sedentary screen time should be no more than 1 hour; less is better. When sedentary, engaging in reading and storytelling with a caregiver is encouraged.

• Have 11-14 hours of good quality sleep, including naps, with regular sleep and wake-up times.

Puh, diese Ziele erreichen wir zum Glück mehr oder weniger jeden Tag. Unsere Hin- und Rückreise von Mauritius nach Zürich in diesem Monat einmal ausgenommen, da hatte Hannah eher 180 Minuten + X Screentime und weniger als eine Stunde Bewegung. Statt sie mit Medikamenten zu betäuben – ich bin mir sicher, dass nur so vor der Zeit des Smartphone Langstreckenflüge mit Kindern möglich waren -, haben wir sie digital sediert. Es waren zwei 11-Stunden-Flüge. Und ich darf ohne schlechtes Gewissen sagen: Beide Flüge waren Dank digitale Sedierung recht entspannt. Wohl auch, weil ich selbst auf jedem Flug zwei Filme im Bordkino anschauen konnte. Ich bin darauf nicht stolz. Es war die Ausnahme, nicht die Regel.

Die große Frage für alle Eltern ist heute nicht mehr, ob die Nutzung von Smartphone und Tablet gesund ist, sondern die Frage, wieviel davon für das Kind ohne Schaden zu nehmen okay ist. Kinder leben in einer digitalisierten Umwelt und kommen zwangsweise mit den Geräten in Berührung, jedenfalls dann, wenn die Eltern sie nicht asketisch und maximal selbstdiszipliniert davon Fernhalten. Mein Ideal wäre das totale Fernhalten meines Kindes von den Geräten, aber ich kann es nicht. Dafür müsste ich einen Großteil meines eigenen Lebensstils aufgeben, das möchte ich nicht. Oder anders gesagt: Der Kopf ist schon willig, das Ego ist indes zu schwach.

Der Gameboy, das iPhone der 90er

Vielleicht bin ich auch einfach nicht stark und nicht kritisch genug bzw. versaut durch meine eigene Kindheit. Ich selbst habe als Kind recht freien Zugang zu Gameboy (das iPhone der 90er), TV (alle Kinderserien der Anfangszeit es Privatfernsehens habe ich gesehen) und Nintendo NES gehabt. Vermutlich zuviel, würde ich rückblickend sagen. Immerhin schweife ich beim Schreiben dieses Textes immer wieder ab, checke meine Mails, beantworte WhatsApp-Nachrichten etc. Vermutlich wäre alles anders, wenn ich damals nicht so viel Screentime mit Super Mario, Donkey Kong und Tetris verbracht hätte. Ich weiß es nicht.

Worauf will ich eigentlich hinaus? Nun, mir haben die Empfehlungen der WHO vor allem wieder einmal aufgezeigt, dass Geräte wie Smartphones und Tablets mit ihrem ständigen Zugang zum Internet und all den Apps Alltag geworden sind. Kinder sind ihnen ausgesetzt, vor allem durch ihre Eltern. Und genau da liegt für mich der Hauptansatzpunkt. Wenn ich einen gesunden Umgang mit den Geräten habe, wenn ich die Richtwerte der WHO auf mich anwende – die Schlafempfehlung von 11 bis 14 Stunden einmal ausgenommen – dann lebe ich meiner Tochter vor, was gesund ist. Es ist wie mit dem Essen: Wenn ich meinem Kind sagen, es soll sich gesund ernähren, selbst aber nur Junk Food zu mir nehme, dann ist das eher suboptimal.

Ich bin ein Vorbild! Bin ich ein Vorbild? 

„Aber Sven, eine Stunde Screentime als Erwachsener, das ist doch unmöglich!“, werden einige in diesem Moment brüllen. Das stimmt natürlich, wenn der Screen dein Arbeitsgerät ist. Ich meine damit auch eher maximal eine Stunde am Screen sinnlos herumtouchen und -surfen, eher sogar weniger. Was braucht es also vor allem: Achtsamkeit im Umgang mit digitalen Medien. Wie oft muss ich meine Mails am Tag checken, wie oft ist es wirklich notwendig bei Instagram oder Facebook vorbeizuschauen, wie viele WhatsApp-Nachrichten braucht es am Tag? Die Frage ist also: Wie pflege ich einen bewussten, gesunden und optimalen Umgang mit diesen Medien? Wenn ich es im Griff habe, dann kann auch mein Kind lernen es im Griff zu haben. Copy and paste sozusagen. Ich bin ein Vorbild.

Wenn ich Eltern statt in die Augen ihrer Kinder vor den Nasen der Kinder auf dem Smartphone herumtippen sehe, dann finde ich das schade. Was lernt das Kind dadurch? Es geht also darum, die richtigen Verhaltensweisen zu erlernen, als Erwachsener. Es geht um den bewussten Umgang mit den Medien und damit einhergehend um einen Habit-Change. Diesbezüglich finde ich zwei Bücher sehr lesens- und/oder hörenswert:

1.) Digitaler Minimalismus: Besser leben mit weniger Technologie (Cal Newport)
2.) Atomic Habits: An Easy and Proven Way to Build Good Habits and Break Bad Ones (James Clear)

Und wenn es dann mal nicht anders geht, weil wir lange fliegen und unsere Kräfte limitiert sind, Herr Gott, dann wird eben das iPhone angestellt und Peppa Wutz läuft, länger als die WHO es empfiehlt, lachend über den Bildschirm. Take it easy. Auch das ist etwas, was Kinder von uns Eltern lernen können – Entspanntheit und Lockerheit.

Wir sind doch alle nicht perfekt und das ist gut so. Wir alle können aber gewiss noch ein wenig achtsamer sein und das Bewusstsein dafür wahren, dass digitale Medien weder für die Kleinen noch für uns die Regel, sondern eher die geregelt genutzte Ausnahme sein sollten. Das wahr Leben spielt sich noch immer Außerhalb von Bildschirmen ab.

Die Frage lautet deshalb nicht nur „Wieviel ist für mein Kind gut?“ sondern „Wieviel ist für mich als Erwachsender gut? Und wie kann ich (als Vorbild für mein Kind) meinen Umgang mit (digitalen) Medien besser gestalten?” In diesem Sinne: Over and out, meine Screentime ist überschritten, ich gehe jetzt Wäsche abnehmen und im Schrank versorgen.

Weitere interessante Links zum Thema:
Projventute: Mediennutzung und Gesundheit der Kinder
Zeit Online: WHO empfiehlt drei Stunden Bewegung für Kleinkinder

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